München, Theresienwiese –
Der Streit um die Gestaltung von Fahrgeschäftsfiguren auf dem Münchner Oktoberfest 2026 hat eine neue Stufe erreicht. Der Bundesverband Schausteller und Marktkaufleute hat seine Teilnahme am traditionellen Wiesn-Rundgang der Stadt München abgesagt. Der Verband protestiert damit gegen Aufforderungen und Hinweise zur Umgestaltung von Dekorfiguren an Fahrgeschäften.
Im Mittelpunkt der Debatte steht vor allem das traditionsreiche Teufelsrad. Nach Hinweisen der städtischen Gleichstellungsstelle wurden mehrere Frauenfiguren über dem Eingang neu gestaltet. Eine zuvor deutlich knapper bekleidete Figur trägt zur Wiesn 2026 nun unter anderem Kleid und Schuhe. Die Debatte hatte sich bereits Ende August entwickelt und inzwischen weitere Fahrgeschäfte erreicht.
BSM spricht von Zensur und Zwangspinselei
In einem Schreiben an das Münchner Wirtschaftsreferat, über das zunächst die tz berichtete und das nach Angaben mehrerer Medien auch der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, begründet der Bundesverband seine Absage mit den Eingriffen in die Gestaltung der Fahrgeschäfte.
Der Verband verwendet dabei deutliche Worte und spricht von „Zensurmaßnahmen“ sowie „Zwangspinselei“. Nach Darstellung des BSM gehöre die Gestaltung eines Geschäfts zur unternehmerischen Kernkompetenz des jeweiligen Schaustellerbetriebs.
Wichtig ist die Einordnung: Nicht sämtliche Schaustellerbetriebe des Oktoberfests haben den Rundgang abgesagt. BSM-Präsident Patrick Arens erklärte gegenüber der dpa, dass rund 60 bis 70 Wiesn-Betriebe in seinem Verband organisiert seien. Die Absage betrifft die Teilnahme des Bundesverbands beziehungsweise seines eingeladenen Präsidiums am offiziellen Rundgang.
Nach weiteren Medienberichten wollen der Deutsche Schaustellerbund und Münchner Berufsverbände weiterhin an dem Termin teilnehmen.
Teufelsrad als Auslöser der aktuellen Debatte
Das Teufelsrad gehört seit mehr als 100 Jahren zum Oktoberfest. Die Stadt München führt das Geschäft bereits seit etwa 1910 auf der Wiesn. Das Prinzip ist bis heute nahezu unverändert: Besucher versuchen, sich möglichst lange auf einer schnell rotierenden Scheibe zu halten.
2026 steht allerdings nicht die Fahrt selbst im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte, sondern die Gestaltung der Figuren über dem Eingang. Nach einem Hinweis der Gleichstellungsstelle wurden mehrere Darstellungen verändert.
Die genaue Bewertung dieser Figuren ist zwischen den Beteiligten umstritten. Während die zuständigen Fachstellen unter anderem rassistische beziehungsweise sexistische Stereotype problematisierten, kritisieren Schausteller und Teile der Münchner Politik die Art und Reichweite der vorgenommenen Änderungen.
Auch Happy Sailor verändert Figuren
Die Diskussion betrifft inzwischen nicht nur das Teufelsrad. Auch am Rundfahrgeschäft Happy Sailor von Verena Krug und Dirk Högerle wurden für die Wiesn 2026 Dekorfiguren verändert.
Betreiberin Verena Krug bestätigte gegenüber t-online, dass unter anderem eine Kapitänsfigur überarbeitet wurde. Nach Angaben der Stadt war nach dem Oktoberfest 2025 angeregt worden, eine karikaturhafte Überzeichnung asiatischer Gesichtszüge zu verändern.
Auch eine Meerjungfrau wurde angepasst. Krug erklärte öffentlich, sie selbst habe die frühere Gestaltung nicht als rassistisch empfunden, habe die Hinweise aber auch im Hinblick auf zukünftige Bewerbungen und Zulassungen berücksichtigt.
Stadt signalisiert inzwischen Gesprächsbereitschaft
Bemerkenswert ist, dass inzwischen auch innerhalb der Münchner Stadtspitze kritisch über die Verhältnismäßigkeit einzelner Änderungen gesprochen wird.
Wiesn-Chef Christian Scharpf kündigte Gespräche mit der Gleichstellungsstelle über mehr Augenmaß an. Münchens zweite Bürgermeisterin Mona Fuchs äußerte ebenfalls, man könne es bei solchen Eingriffen auch übertreiben.
Nach einer von Medien zitierten Reaktion bedauert die Stadt die Absage des Bundesverbands. Gerade kontrovers diskutierte Themen lebten vom Austausch und von Kompromissen.
Der Konflikt ist damit nicht mehr nur eine Diskussion über einzelne Figuren. Er berührt grundsätzlich die Frage, wie weit Veranstalter beziehungsweise kommunale Fachstellen bei der Gestaltung historischer oder traditioneller Schaustellergeschäfte eingreifen sollen und wie gleichzeitig Anforderungen an Gleichstellung und diskriminierungsfreie Darstellung berücksichtigt werden können.
Traditioneller Wiesn-Rundgang kurz vor dem Start
Der offizielle Wiesn-Rundgang findet traditionell kurz vor der Eröffnung des Oktoberfests statt. Dabei präsentieren der Oberbürgermeister und der Wiesn-Chef unter anderem Neuheiten und Besonderheiten auf dem Festgelände.
2026 wird Oberbürgermeister Dominik Krause erstmals in dieser Funktion am Rundgang teilnehmen. Er übernimmt am 19. September außerdem erstmals den traditionellen Fassanstich.
Das 191. Oktoberfest läuft vom 19. September bis 4. Oktober 2026. Die Landeshauptstadt München nennt 478 zugelassene Betriebe auf der klassischen Wiesn, darunter 243 Schaustellergeschäfte und 182 Marktkaufleute. Auf der Oidn Wiesn wurden zusätzlich 45 Betriebe zugelassen, darunter 41 Schaustellergeschäfte.
Neue Entwicklung gegenüber dem bisherigen FunFair-Stand
FunFair Entertainment hatte bereits über den laufenden Fahrgeschäfts-Aufbau und die drei Wiesn-Premieren Shake & Roll, Fisherman’s und Chaos Pendel berichtet. Der nun öffentlich gewordene Protest des Bundesverbands ist davon unabhängig eine neue Entwicklung.
Der aktuelle Stand ist eindeutig: Das Präsidium des Bundesverbands Schausteller und Marktkaufleute nimmt aus Protest nicht am offiziellen Wiesn-Rundgang der Stadt teil. Der Streit wird von den Beteiligten unterschiedlich bewertet. Während der Verband von Zensur und Eingriffen in die unternehmerische Gestaltung spricht, wurden die Änderungen von städtischen Fachstellen mit der Kritik an rassistischen und sexistischen Stereotypen begründet. Gleichzeitig signalisiert die Münchner Stadtspitze inzwischen Gesprächsbereitschaft und fordert teilweise selbst mehr Augenmaß.
Ob sich daraus vor dem Oktoberfest weitere konkrete Änderungen oder Gespräche ergeben, ist derzeit offen.


