Deutschland –
Stand: September 2026.
Eine Kirmes ist heute in wenigen Augenblicken als solche zu erkennen: leuchtende Fassaden, Musik, der Geruch von gebrannten Mandeln, ein Riesenrad über den Dächern, schnelle Rundfahrgeschäfte, Losbuden, Imbissstände und Schaustellerfamilien, die während einer Saison von Stadt zu Stadt reisen.
Doch der moderne Festplatz ist das Ergebnis einer Entwicklung, die mehr als tausend Jahre zurückreicht.
Die Geschichte der Kirmes beginnt nicht mit Achterbahnen, Stahl oder Elektromotoren. Ihre Wurzeln führen zu Kirchenfesten, Wallfahrten, Märkten und Tagen, an denen sich Menschen aus einem großen Umkreis an einem bestimmten Ort trafen.
Händler kamen mit ihren Waren. Wirte versorgten die Besucher. Musiker, Gaukler und andere reisende Unterhalter folgten dem Publikum.
Aus diesen Zusammenkünften entstanden über Jahrhunderte Jahrmärkte und Volksfeste. Aus Händlern, Artisten und fahrenden Vorführern entwickelte sich später ein eigener Schaustellerberuf. Aus einfachen, teilweise mit Muskelkraft bewegten Anlagen wurden transportable Hightech-Maschinen.
2026 bekam diese jahrhundertealte Kultur eine besondere offizielle Anerkennung.
Die „Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland“ wurde in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Die Entscheidung wurde am 27. März 2026 bekanntgegeben. Am 16. Juli 2026 wurde die entsprechende Urkunde in Schwerin überreicht.
Wichtig ist dabei die genaue Bezeichnung: Die Schaustellerkultur gehört zum Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes im Rahmen der deutschen Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens.
Das bedeutet nicht, dass „die Kirmes“ UNESCO-Welterbe geworden ist. Auch ein Eintrag im deutschen Verzeichnis ist nicht automatisch ein Eintrag in eine internationale UNESCO-Liste.
Trotzdem ist die Anerkennung historisch: Die über Generationen weitergegebene Kultur der Schausteller wird damit offiziell als schützenswerte lebendige Kulturform gewürdigt.
Von der Kirchmesse zur Kirmes
Das Wort Kirmes geht auf die Kirchmesse beziehungsweise die Kirchweih zurück.
Ursprünglich wurde damit das Fest zur Weihe einer Kirche oder der jährlich wiederkehrende Gedenktag an die Kirchweihe und den jeweiligen Kirchenpatron bezeichnet.
Je nach Region entwickelten sich unterschiedliche Namen.
Neben Kirmes hört man beispielsweise Kerwe, Kirwa, Kärwa, Kirchweih oder Kirchtag.
Solche kirchlichen Festtage hatten einen entscheidenden Nebeneffekt: Viele Menschen kamen zur gleichen Zeit am gleichen Ort zusammen.
Wo Menschen waren, entstand Handel.
Bauern brachten Vieh und landwirtschaftliche Erzeugnisse mit. Händler verkauften Waren. Wirte sorgten für Essen und Getränke. An bedeutenden religiösen Orten kamen zusätzlich Pilger hinzu.
Herrscher, Bischöfe, Städte oder Landesherren erteilten Marktprivilegien, weil Märkte wirtschaftlich wichtig waren. Sie verbesserten die Versorgung und brachten Einnahmen.
Der mittelalterliche Jahrmarkt war deshalb wesentlich mehr als eine frühe Form der heutigen Freizeitveranstaltung.
Er war Handelsplatz, Treffpunkt und Nachrichtenbörse zugleich.
Menschen begegneten dort Waren, Geschichten und Personen, mit denen sie in ihrem normalen Alltag kaum Kontakt gehabt hätten.
Reisende Kaufleute transportierten nicht nur Produkte. Sie brachten Neuigkeiten, Trends, Geschichten und teilweise technische Entwicklungen aus anderen Regionen mit.
Warum es beim „ältesten Volksfest Deutschlands“ verschiedene Jahreszahlen gibt
Wer sich mit der Geschichte deutscher Volksfeste beschäftigt, stößt schnell auf scheinbar widersprüchliche Angaben.
Mehrere Feste werden als besonders alt oder sogar als das älteste bezeichnet.
Das Problem liegt meistens nicht darin, dass eine Seite zwangsläufig falsch liegt.
Oft werden schlicht unterschiedliche historische Ereignisse miteinander verglichen.
Eine Jahreszahl kann sich auf ein religiöses Fest beziehen.
Eine andere auf ein verliehenes Marktprivileg.
Wieder eine andere auf die erste schriftliche Erwähnung eines Marktes.
Und die heutige Veranstaltungsform kann noch einmal deutlich jünger sein.
Bad Hersfeld führt die Wurzeln des Lullusfestes bis in das Jahr 852 zurück und bezeichnet es als ältestes Volksfest Deutschlands.
Bremen besitzt für den Freimarkt ein Marktprivileg aus dem Jahr 1035.
Beide Traditionen können historisch außergewöhnlich alt sein, obwohl sich ihre Jahreszahlen auf unterschiedliche Grundlagen beziehen.
Auch die Annakirmes in Düren zeigt das deutlich.
Die religiöse Vorgeschichte beginnt dort 1501 mit der Überführung des Annahauptes nach Düren.
Ein Markt wird in den städtischen Quellen allerdings erst 1638 ausdrücklich erwähnt.
Bei Pützchens Markt in Bonn taucht häufig die Jahreszahl 1367 auf.
Sie bezeichnet zunächst eine frühe schriftliche Erwähnung des Adelheidisbrunnens. Daraus folgt nicht automatisch, dass 1367 bereits die heutige Kirmes existierte.
Wer Geschichte seriös erzählen möchte, muss deshalb immer fragen:
Was genau ist für das jeweilige Jahr tatsächlich belegt?
Gaukler, Musiker und Schaubuden
Wo viele Menschen zusammenkamen, waren nicht nur Händler.
Schon früh folgten Musiker, Akrobaten, Puppenspieler, Taschenspieler, Tierführer, Geschichtenerzähler und andere reisende Unterhalter den großen Märkten.
Sie lebten davon, Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Je mehr Menschen stehen blieben, desto größer war die Möglichkeit, mit einer Vorstellung Geld zu verdienen.
Die Grenzen zwischen Unterhaltung, Verkauf und Werbung waren dabei fließend.
Im Laufe der Zeit entstanden spezialisierte Schaubuden.
Dort wurden Theaterstücke, Marionetten, optische Täuschungen, mechanische Figuren, naturkundliche Sammlungen oder technische Neuheiten präsentiert.
Später kamen Panoramen, Fotografie und erste bewegte Bilder hinzu.
Bevor feste Kinos überall selbstverständlich waren, konnten reisende Betreiber mit Kinematographen bewegte Bilder direkt zu den Menschen bringen.
Der Jahrmarkt war deshalb immer wieder ein Ort, an dem neue Technik einem großen Publikum präsentiert wurde.
Zu dieser Geschichte gehören allerdings auch Kapitel, die heute kritisch betrachtet werden müssen.
Menschen wurden früher aufgrund körperlicher Besonderheiten oder ihrer Herkunft ausgestellt und diskriminierend dargestellt.
Eine moderne Darstellung der Schaustellergeschichte darf solche Praktiken nicht romantisieren.
Sie zeigen vielmehr, wie stark sich gesellschaftliche Vorstellungen und Standards verändert haben.
Der Hamburger DOM und seine ungewöhnlichen Wurzeln
Der Hamburger DOM ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie eng Kirche, Handel und Unterhaltung früher miteinander verbunden sein konnten.
Seine Geschichte führt in das Umfeld des ehemaligen Hamburger Marien-Doms zurück.
Händler, Handwerker und Gaukler nutzten den Kirchenraum zeitweise als Schutz vor schlechtem Wetter.
Im 14. Jahrhundert kam es deshalb zu Auseinandersetzungen.
Das weltliche Treiben wurde zunächst untersagt und später bei schlechtem Wetter wieder zugelassen.
Der Name „DOM“ erinnert bis heute an diese ungewöhnliche Verbindung.
Solche Beispiele zeigen, dass die Geschichte der Volksfeste nicht an einem bestimmten Tag erfunden wurde.
Sie entstand langsam aus Religion, Handel, städtischen Regeln und dem Bedürfnis der Menschen nach Unterhaltung.
Das 19. Jahrhundert verändert alles
Der entscheidende Schritt zum modernen Schaustellergewerbe vollzog sich vor allem während des 19. Jahrhunderts.
Historische Darstellungen verorten die Entstehung eines eigenständigen professionellen Schaustellerberufs insbesondere zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des 20. Jahrhunderts.
Aus einzelnen fahrenden Künstlern, Händlern und Vorführern wurden spezialisierte Familienbetriebe.
Sie reisten mit Karussells, Schaubuden, Spielgeschäften, gastronomischen Betrieben oder Verkaufsständen von Stadt zu Stadt.
Der Betrieb wurde professioneller.
Die Investitionen wurden größer.
Reisepläne mussten organisiert werden.
Wohn- und Packwagen wurden an ein dauerhaft mobiles Leben angepasst.
Der Veranstaltungskalender bestimmte nun für viele Familien einen großen Teil des Jahres.
Gleichzeitig veränderte die Industrialisierung die Gesellschaft.
Städte wuchsen.
Neue Verkehrswege entstanden.
Eisenbahn und später leistungsfähigere Straßen erleichterten Transporte.
In den schnell wachsenden Industriegebieten lebten immer mehr Menschen auf engem Raum.
Volksfeste boten ihnen eine zeitlich begrenzte Welt aus Musik, Essen, Spiel, Tanz und Sensationen.
Gerade im Ruhrgebiet entwickelte sich aus kleineren lokalen Festen und Märkten eine ganze Reihe großer Kirmesveranstaltungen.
Eine reisende Branche brauchte eigene Netzwerke
Schausteller waren ständig unterwegs.
Deshalb brauchte die Branche eigene Kommunikationswege.
1883 wurde die Fachzeitschrift „Der Komet“ gegründet.
Sie entwickelte sich zu einem bedeutenden Medium für das Schaustellergewerbe.
Dort konnten Veranstaltungen, Geschäfte, technische Angebote und Personal gesucht oder angeboten werden.
Gleichzeitig entstanden Schaustellervereine.
Sie halfen ihren Mitgliedern bei rechtlichen Fragen, sozialen Problemen, Platzangelegenheiten und beim politischen Austausch.
Aus regionalen Zusammenschlüssen entwickelte sich langfristig eine organisierte Interessenvertretung.
Vom Muskelantrieb zur Hightech-Maschine
Die technische Entwicklung lässt sich auf dem Festplatz besonders deutlich nachvollziehen.
Frühe Fahrgeschäfte waren vergleichsweise einfache Konstruktionen.
Karussells und Schaukeln wurden mit Muskelkraft, Tieren oder einfachen mechanischen Vorrichtungen bewegt.
Menschen oder Pferde konnten Teil des eigentlichen Antriebs sein.
Mit der Dampfmaschine begann eine neue Epoche.
Dampfkarussells ließen sich kräftiger und gleichmäßiger bewegen.
Die Maschine selbst war dabei oftmals bereits Teil der Attraktion.
Sie war laut, sichtbar und für viele Besucher Ausdruck einer neuen technischen Zeit.
Später setzte sich elektrischer Antrieb durch.
Elektromotoren waren allerdings nur ein Teil der Revolution.
Elektrizität veränderte gleichzeitig die Beleuchtung des gesamten Festplatzes.
Plötzlich konnte eine Kirmes nach Einbruch der Dunkelheit völlig anders wirken.
Glühlampen wurden nicht einfach zur Beleuchtung verwendet.
Sie formten Schriftzüge, Fassaden und Konturen.
Licht wurde Werbung.
Später folgten Neon, Leuchtstofftechnik, Halogen, computergesteuerte Lampen und schließlich moderne LED-Technik.
Heute lassen sich teilweise zehntausende einzelne Lichtpunkte programmieren.
Lichtshow, Musik und Fahrt können miteinander synchronisiert werden.
Auch beim Antrieb hat sich die Technik erheblich verändert.
Moderne Anlagen kombinieren Elektromotoren und Frequenzumrichter mit Hydraulik oder Pneumatik.
Elektronische Steuerungen überwachen Abläufe.
Sensoren kontrollieren Positionen und Verriegelungen.
Ein heutiges Großfahrgeschäft ist deshalb nicht nur eine Maschine.
Es ist gleichzeitig transportables Bauwerk, Bühne, Lichtshow und komplexes technisches System.
Warum eine reisende Anlage besonders konstruiert werden muss
Ein stationäres Fahrgeschäft wird aufgebaut und bleibt in der Regel an seinem Standort.
Ein reisendes Geschäft muss innerhalb einer Saison möglicherweise dutzende Male zerlegt und wieder aufgebaut werden.
Es wird verladen.
Über Straßen transportiert.
Auf einem neuen Platz positioniert.
Dort erneut aufgebaut, eingerichtet und geprüft.
Danach beginnt der komplette Ablauf erneut.
Diese Mobilität beeinflusst praktisch jedes Bauteil.
Grundrahmen, Stützen, Kabelwege, Hydraulikleitungen, Steckverbindungen, Dekoration und Transporteinheiten müssen so konstruiert sein, dass regelmäßiger Auf- und Abbau möglich ist.
Für einen Schausteller zählt deshalb nicht nur, wie spektakulär ein Geschäft fährt.
Auch Aufbauzeit, Personalbedarf und die Zahl der notwendigen Transporte entscheiden darüber, ob eine Anlage wirtschaftlich betrieben werden kann.
Das Karussell wird zum Symbol der Kirmes
Das Karussell gehört zu den ältesten mechanischen Vergnügungen des Festplatzes.
Die Grundidee erscheint einfach:
Fahrgäste bewegen sich kreisförmig um eine Mittelachse.
Doch daraus entstanden im Laufe der Zeit zahlreiche Varianten.
Pferdekarussells griffen Motive aus Ritter- und Reiterspielen auf.
Später entstanden Bodenkarussells, Kettenkarussells und zahlreiche andere Rundfahrgeschäfte.
Gerade historische Karussells zeigen, dass Fahrgeschäftsbau niemals nur Maschinenbau war.
Holzschnitzerei, Malerei, Spiegel, Musik und Beleuchtung waren entscheidender Teil des Erlebnisses.
Die Achterbahn: Vom Gefälle zum technischen Meisterwerk
Die Achterbahn besitzt mehrere historische Vorläufer.
In Russland und anderen Teilen Europas existierten früh Eis- und Rutschbahnen.
Im 19. Jahrhundert entstanden zunehmend schienengeführte Vergnügungsanlagen.
Ein bedeutender Meilenstein war LaMarcus Adna Thompsons Switchback Gravity Railway von 1884 auf Coney Island in New York.
Für reisende Schausteller entstand eine zusätzliche Herausforderung.
Eine Achterbahn musste groß und spektakulär wirken, durfte aber nicht dauerhaft an einem Ort stehen.
Sie musste zerlegbar und transportierbar sein.
Im 20. Jahrhundert prägten deutsche Hersteller wie MACK und Schwarzkopf die Entwicklung transportabler und stationärer Achterbahnen.
Anton Schwarzkopf und Ingenieur Werner Stengel stehen besonders für eine neue Ära moderner Stahlachterbahnen.
Durch genauere Berechnung konnten Radien, Kräfte und Übergänge erheblich verbessert werden.
Loopings mussten nicht nur spektakulär aussehen, sondern so konstruiert sein, dass die auftretenden Belastungen für die Fahrgäste beherrschbar blieben.
Das Riesenrad wird zum Wahrzeichen
Das moderne Großriesenrad wurde international durch die Weltausstellung von Chicago 1893 berühmt.
George Washington Gale Ferris Jr. konstruierte dort ein gigantisches Rad, das als amerikanische technische Antwort auf den Eiffelturm verstanden wurde.
Radähnliche Vergnügungsanlagen existierten bereits zuvor.
Doch Ferris machte das Großriesenrad zu einem internationalen Symbol des Vergnügungsplatzes.
Für Schausteller wurden transportable Riesenräder später zu prestigeträchtigen Großgeschäften.
Die Düsseldorfer Familie Bruch dokumentiert ihre Schaustellertätigkeit seit 1848.
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gehörte ein handbetriebenes Riesenrad zum Familienbetrieb.
Moderne mobile Riesenräder erreichen heute Größen, für deren Transport mehrere schwere Fahrzeuge und teilweise Kräne benötigt werden.
Autoscooter: Der Besucher wird selbst zum Fahrer
Der Autoscooter veränderte das klassische Prinzip eines Fahrgeschäfts entscheidend.
Plötzlich saß der Gast nicht nur passiv in einer Gondel.
Er konnte selbst lenken.
Frühe Vorläufer existierten bereits vor dem Ersten Weltkrieg.
Das heute bekannte Prinzip frei gelenkter elektrisch angetriebener Fahrzeuge verbreitete sich insbesondere ab den 1920er-Jahren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Autoscooter endgültig zu einem festen Bestandteil deutscher Kirmesplätze.
Die Fahrhallen wurden größer.
Die Chaisen moderner.
Beleuchtung und Musik immer wichtiger.
Gerade Jugendliche nutzten den Autoscooter nicht nur zum Fahren.
Er wurde zum Treffpunkt.
Man sah Freunde, hörte aktuelle Musik und verbrachte Zeit rund um die Bahn.
Manche Autoscooter wirkten dadurch fast wie mobile Diskotheken.
Musik Express, Raupenbahn und Jugendkultur
Auch andere Rundfahrgeschäfte entwickelten sich zu Treffpunkten.
Raupenbahn, Calypso und später der Musik Express verbanden Bewegung mit Musik und Atmosphäre.
Es ging nicht ausschließlich darum, wie schnell ein Geschäft fuhr.
Aktuelle Musik, Licht, Rekommandation und das gegenseitige Beobachten gehörten zum Erlebnis.
Mit Beat, Rock, Disco und später elektronischer Musik veränderten sich Fahrgeschäfte immer wieder.
Kirmes wurde dadurch zum Spiegel der jeweiligen Jugendkultur.
Enterprise: Überschlag ohne Achterbahnschiene
In den 1970er-Jahren entstand eine neue Generation kompakter Hoch- und Rundfahrgeschäfte.
Schwarzkopf entwickelte Anfang des Jahrzehnts die Enterprise.
Eine frühe Anlage feierte 1973 auf dem Bad Kreuznacher Jahrmarkt Premiere.
Das Prinzip war spektakulär:
Ein großes Rad dreht sich immer schneller.
Durch die Rotation werden die Gondeln nach außen gedrückt.
Anschließend richtet sich das komplette Rad auf.
Die Fahrgäste erleben dadurch Überkopfpositionen, obwohl sie nicht auf einer Achterbahnschiene fahren.
Mitte der 1970er-Jahre brachte auch HUSS eine eigene Enterprise-Ausführung auf den Markt.
Die Gestaltung passte perfekt zur damaligen Zeit.
Weltraum, Zukunft und technische Begeisterung spiegelten sich direkt in den Geschäften wider.
1985 beginnt die Geschichte des Break Dance
Kaum ein anderer Fahrgeschäftstyp ist heute so eng mit der deutschen Kirmeskultur verbunden wie der Break Dance.
1985 wurde der erste HUSS Break Dance zur Bremer Osterwiese ausgeliefert.
Das Fahrprinzip unterschied sich deutlich von vielen bisherigen Rundfahrgeschäften.
Eine große Drehscheibe trägt mehrere Drehkreuze.
An diesen befinden sich wiederum frei drehende Gondeln.
Drehscheibe, Drehkreuze und Gondeln erzeugen gemeinsam immer neue Bewegungen.
Eine Fahrt fühlt sich dadurch nicht jedes Mal identisch an.
Doch die Mechanik war nur ein Teil des Erfolgs.
Der Break Dance griff die Pop-, Hip-Hop- und Breakdance-Kultur der 1980er-Jahre auf.
Musik, Bemalung und Licht waren von Anfang an entscheidend.
Auf vielen deutschen Festplätzen entwickelten sich einzelne Break-Dance-Anlagen zu eigenen Marken.
Bestimmte Betreiber, Rekommandeure, Musikstile und Dekorationen wurden von Fans gezielt wiedererkannt.
Der Break Dance wurde damit nicht einfach ein Fahrgeschäft.
Er entwickelte eine eigene Kultur.
Top Spin und die Showgeschäfte der 1990er-Jahre
Mit dem Top Spin brachte HUSS Anfang der 1990er-Jahre eine weitere prägende Fahrgeschäftsform auf den Markt.
Eine breite Fahrgastgondel hängt zwischen zwei Armen.
Die Arme und die Gondel können so gesteuert werden, dass verschiedene Überschläge und Fahrprogramme entstehen.
Bei vielen Anlagen kamen Wasserspiele, Lichtshows und aufwendige Musik hinzu.
Die Fahrt wurde dadurch zu einer Inszenierung.
In dieser Zeit veränderte sich generell die Erwartung des Publikums.
Ein modernes Fahrgeschäft sollte nicht mehr nur schnell sein.
Es sollte spektakulär aussehen.
Schon von weitem Aufmerksamkeit erzeugen.
Musik liefern.
Licht zeigen.
Und möglichst eine komplette Show bieten.
Die Hersteller hinter der modernen Kirmes
Deutschland und andere europäische Länder wurden zu wichtigen Zentren des modernen Fahrgeschäftsbaus.
Mehrere Hersteller prägten über Jahrzehnte das Bild der Volksfeste.
MACK
Die Wurzeln der Familie Mack liegen im Wagen- und Karosseriebau.
Aus dem Betrieb entwickelte sich später einer der international bekannten Hersteller von Fahrgeschäften und Achterbahnen.
MACK produzierte zahlreiche Karussells, Rundfahrgeschäfte und Achterbahnsysteme.
1975 eröffnete die Familie zusätzlich den Europa-Park.
Der Freizeitpark war ursprünglich auch als Präsentationsmöglichkeit für eigene Fahrgeschäftstechnik gedacht.
Schwarzkopf
Anton Schwarzkopf gehört zu den bedeutenden Namen der deutschen Fahrgeschäftsgeschichte.
Sein Unternehmen entwickelte transportable Großfahrgeschäfte und Stahlachterbahnen.
Gemeinsam mit Ingenieuren wie Werner Stengel entstanden Anlagen, deren technische Konzepte die Achterbahnwelt weit über Deutschland hinaus beeinflussten.
Viele Schwarzkopf-Anlagen besitzen heute Kultstatus.
HUSS
HUSS prägte vor allem die großen Rundfahrgeschäfte der 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre.
Enterprise, Break Dance und Top Spin gehören zu den bekanntesten Typen.
Viele dieser Anlagen reisen Jahrzehnte nach ihrem Bau weiterhin auf deutschen und europäischen Festplätzen.
Gerstlauer
Hubert Gerstlauer gründete 1982 Gerstlauer Elektro.
Aus dem Unternehmen entwickelte sich später ein eigenständiger international tätiger Fahrgeschäftshersteller.
In den 1990er-Jahren entstanden eigene Riesenräder und Achterbahnen.
Heute ist Gerstlauer besonders für moderne Achterbahnsysteme bekannt.
Weitere europäische Hersteller
Auch Unternehmen wie Zierer, KMG, Mondial, Fabbri und SBF Visa prägen moderne Volksfeste und Freizeitparks.
Das Spektrum reicht von Kinder- und Familiengeschäften bis zu Propellern, Türmen und komplexen Mehrfachrotationen.
Schausteller sein bedeutet weit mehr als Karussell fahren
Von außen sieht ein Schaustellerbetrieb während einer Veranstaltung oft einfach aus:
Geschäft geöffnet.
Besucher kommen.
Fahrkarten werden verkauft.
Menschen fahren.
Doch die eigentliche Arbeit beginnt lange vorher.
Plätze müssen beworben werden.
Genehmigungen und Verträge müssen organisiert werden.
Transporte werden geplant.
Personal wird koordiniert.
Maschinen werden gewartet.
Ersatzteile bestellt.
Wohn- und Packwagen müssen bewegt werden.
Nach Ende einer Kirmes beginnt häufig noch am selben Abend der Abbau.
Einige Stunden oder einen Tag später fährt der gesamte Betrieb bereits zur nächsten Stadt.
Dort beginnt alles erneut.
Vom Pferdewagen zur Speziallogistik
Früher wurden Schaustellerwagen mit Pferden gezogen oder mit der Eisenbahn transportiert.
Mit der Motorisierung übernahmen Zugmaschinen und Lastwagen diese Aufgabe.
Heute bestehen große Fahrgeschäfte teilweise aus mehreren schweren Transporteinheiten.
Dazu können Mittelbauwagen, Gondeltransporte, Rückwandwagen, Kassenwagen, Wohnwagen und zusätzliche Materialfahrzeuge gehören.
Bei großen Anlagen kommen für Aufbau und Transport teilweise Kräne und Spezialfahrzeuge zum Einsatz.
Gleichzeitig versucht die Branche, Transporte zu reduzieren.
Ein Geschäft, das mit drei statt sechs Aufliegern reisen kann, spart Diesel, Personal, Maut und Zeit.
Moderne Konstruktionen werden deshalb nicht zwangsläufig immer größer.
Transporteffizienz ist inzwischen selbst ein entscheidender Entwicklungsfaktor.
Aufbau früher und heute
Früher bedeutete Aufbau enorme körperliche Arbeit.
Schwere Teile mussten mit einfachen mechanischen Hilfsmitteln bewegt werden.
Heute übernehmen Hydraulik und Kräne viele Aufgaben.
Manche Anlagen richten große Komponenten nahezu selbstständig auf.
Trotzdem ist auch ein moderner Aufbau alles andere als automatisiert.
Untergrund und Platzverhältnisse unterscheiden sich von Veranstaltung zu Veranstaltung.
Die Anlage muss exakt positioniert und ausgerichtet werden.
Verbindungen müssen kontrolliert werden.
Dekoration, Licht und Ton werden eingerichtet.
Sicherheitsrelevante Komponenten müssen überprüft werden.
Menschen bleiben deshalb trotz moderner Maschinen ein unverzichtbarer Teil des Aufbaus.
Der Wohnwagen ist Zuhause
Für Schaustellerfamilien ist ein Wohnwagen kein Urlaubsfahrzeug.
Während der Saison ist er das Zuhause.
Moderne Schaustellerwohnwagen können komfortabel ausgestattet sein.
Trotzdem muss alles mobil bleiben.
Familien wechseln teilweise wöchentlich den Ort.
Daneben gibt es Packwagen, Werkstattfahrzeuge, Zugmaschinen und bei größeren Betrieben weitere Unterkünfte für Mitarbeiter.
Im Winter verbringen viele Betriebe längere Zeit im Winterquartier.
Dort werden Geschäfte repariert, lackiert und technisch überarbeitet.
Das Winterquartier ist gleichzeitig Werkstatt, Lager und familiärer Mittelpunkt.
Kinder von Schaustellern und Schule auf Reisen
Das Familienleben gehört zu den Besonderheiten des Schaustellerberufs.
Kinder wachsen unmittelbar mit dem Betrieb auf.
Sie erleben Aufbau, Technik, Verkauf, Publikum und Reiseorganisation von klein auf.
Die ständigen Ortswechsel stellen aber besondere Anforderungen an die Schulbildung.
Für Kinder beruflich Reisender gibt es deshalb besondere länderübergreifende Systeme.
Bereichslehrkräfte und Dokumentationen helfen dabei, Lernstände über verschiedene Schulorte hinweg weiterzugeben.
Die Kultusministerkonferenz beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema.
Das zeigt:
Reisen bedeutet für eine Schaustellerfamilie nicht Urlaub.
Es ist eine Arbeits- und Lebensform mit Schule, Behörden, Reparaturen und wirtschaftlicher Verantwortung.
Die Reko: Die Stimme der Kirmes
Zwei baugleiche Fahrgeschäfte können auf zwei Festplätzen vollkommen unterschiedlich wirken.
Ein wichtiger Grund ist die Rekommandation.
Der Rekommandeur, häufig einfach „Reko“ genannt, spricht mit dem Publikum.
Er kündigt Fahrten an.
Macht Stimmung.
Reagiert auf die Gäste.
Kommentiert Situationen.
Und schafft im besten Fall eine Atmosphäre, die Besucher mit genau diesem Geschäft verbinden.
Besonders bei Break Dance, Musik Express oder Autoscooter kann die Reko Teil der Identität werden.
Manche Rekommandeure besitzen selbst eine große Fangemeinde.
Musik verändert den Festplatz
Auch die Musik hat sich immer wieder verändert.
Historische Karussells arbeiteten beispielsweise mit Orgeln.
Später kamen Kapellen, Schallplatten, Kassetten und CDs.
Heute nutzen Geschäfte digitale Soundanlagen.
Aktuelle Titel können praktisch sofort in eine Playlist übernommen werden.
Trends von TikTok, Clubs oder Streamingplattformen erreichen dadurch teilweise innerhalb kürzester Zeit den Festplatz.
Die Kirmes war nie musikalisch eingefroren.
Sie passte sich fast immer der jeweiligen Zeit an.
Vom Kunstmaler zur LED-Fassade
Historische Schaustellerfassaden waren häufig handwerkliche Kunstwerke.
Holzschnitzerei, Malerei, Spiegel und Ornamente bestimmten das Erscheinungsbild.
Spezialisierte Maler gestalteten riesige Bildflächen direkt auf den Geschäften.
Später kamen Airbrush, Kunststoffelemente, Neon und animierte Lichtanlagen hinzu.
Heute setzen viele moderne Geschäfte auf LED-Konturen, Pixelsteuerung und Displays.
Trotzdem verschwinden traditionelle Gestaltungstechniken nicht.
Gerade historische Karussells, Geisterbahnen und Nostalgiegeschäfte leben von klassischer Gestaltung.
Einige der optisch interessantesten heutigen Anlagen verbinden alte Gestaltung mit moderner Licht- und Steuerungstechnik.
Kirmes besteht nicht nur aus Fahrgeschäften
Die Geschichte des Festplatzes darf nicht ausschließlich anhand von Karussells erzählt werden.
Schießwagen, Verlosungen, Greifer, Ballwerfen und andere Spielgeschäfte gehören seit Generationen zur Kirmes.
Bei ihnen steht nicht die Fahrt, sondern das Spiel und die Möglichkeit eines Gewinns im Mittelpunkt.
Mindestens ebenso bedeutend ist die Gastronomie.
Gebrannte Mandeln.
Schmalzkuchen.
Zuckerwatte.
Bratwurst.
Lebkuchenherzen.
Regionale Spezialitäten.
Viele Menschen verbinden eine Kirmes genauso stark mit einem bestimmten Geruch oder Geschmack wie mit einem Fahrgeschäft.
Die Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe umfasst deshalb nicht nur Karussells.
Auch gastronomisches Wissen, Spielkultur, Handwerk, Logistik und Festplatzgestaltung gehören zur Schaustellerkultur.
Schaustellerfamilien und Generationenwissen
Viele Schaustellerbetriebe werden innerhalb einer Familie weitergeführt.
Wissen über Technik, Plätze, Rezepte, Gestaltung und Geschäftsführung wird über Generationen weitergegeben.
Immer wieder taucht deshalb die Frage auf:
Welche ist die älteste Schaustellerfamilie Deutschlands?
Eine eindeutig belegte nationale Rangliste gibt es nicht.
Die Quellenlage unterscheidet sich von Familie zu Familie.
Manche können schriftliche Unternehmensgeschichte bis tief ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen.
Andere Familienüberlieferungen reichen noch weiter zurück, sind aber historisch nicht immer gleichermaßen dokumentiert.
Familie Bruch
Die Düsseldorfer Familie Bruch dokumentiert ihre Schaustellertradition seit 1848.
Bereits im 19. Jahrhundert gehörten Riesenräder zum Betrieb.
Spätere Generationen wurden insbesondere durch große Riesenräder und weitere Großgeschäfte bekannt.
Familie Dierichs
Die Deutsche UNESCO-Kommission nennt beispielsweise August Dierichs.
Der Konditormeister machte sich 1874 als ambulanter Händler selbstständig.
Das Familienwissen über Schmalzgebäck wurde über Generationen weitergegeben.
Weitere historische Familien
Zahlreiche weitere deutsche Schaustellerfamilien können ihre Tätigkeit seit dem 19. Jahrhundert oder anhand regionaler Quellen teilweise noch länger zurückverfolgen.
Bei sehr frühen Angaben muss allerdings unterschieden werden zwischen dokumentierter gewerblicher Tätigkeit, Familienüberlieferung und später rekonstruierten Stammbäumen.
Deshalb ist es seriöser, die konkrete Quellenlage einer Familie zu nennen, als einen absoluten „ältesten“ Schaustellerbetrieb Deutschlands zu bestimmen.
Der Deutsche Schaustellerbund
Mit der Professionalisierung der Branche entstanden immer mehr Schaustellervereine.
Sie unterstützten ihre Mitglieder bei Marktfragen, rechtlichen Problemen und politischer Vertretung.
Am 13. Januar 1950 wurde der Deutsche Schaustellerbund von zwölf Schaustellervereinen gegründet.
Heute beschäftigen Schaustellerverbände Themen, die weit über Standplätze hinausgehen.
Dazu gehören Sicherheit, Steuerrecht, Bildung reisender Kinder, Energie, Veranstaltungsrecht, Umweltfragen und Bürokratie.
Erster Weltkrieg: Die Reise kommt zum Stillstand
Der Erste Weltkrieg unterbrach viele Festkalender.
Männer wurden zum Militär eingezogen.
Pferde und Material wurden benötigt.
Veranstaltungen wurden abgesagt.
Für reisende Betriebe war das besonders problematisch.
Ohne Veranstaltung gab es kaum Möglichkeiten, Einkommen zu erzielen.
Nationalsozialismus: Ein dunkles Kapitel der Schaustellergeschichte
Auch die Schaustellerkultur wurde während des Nationalsozialismus nicht verschont.
Verbände wurden gleichgeschaltet.
Jüdische Schausteller sowie Sinti und Roma und weitere von den Nationalsozialisten verfolgte Menschen verloren Rechte und wirtschaftliche Existenzen.
Viele wurden entrechtet, deportiert und ermordet.
Das Bundesarchiv stellt heute umfangreiche Recherchehilfen zu dieser Verfolgung bereit.
Lokale Erinnerungsprojekte rekonstruieren zusätzlich einzelne Schaustellerbiografien.
Wer Kirmesgeschichte erzählt, darf diese Zeit deshalb nicht einfach als Epoche ausgefallener Volksfeste behandeln.
Es geht um Menschen, Familien und Betriebe, deren Geschichte gewaltsam zerstört wurde.
Zweiter Weltkrieg und Neubeginn
Während des Zweiten Weltkriegs fielen viele Volksfeste vollständig aus.
Fahrzeuge und Treibstoff waren knapp.
Städte wurden zerstört.
Nach Kriegsende kehrten verschiedene Veranstaltungen jedoch überraschend schnell zurück.
Bereits ab 1946 fanden wieder Kirmessen statt.
Volksfeste hatten in dieser Zeit eine besondere gesellschaftliche Bedeutung.
Zwischen zerstörten Städten und schwierigen Lebensbedingungen boten sie zumindest zeitweise Normalität, Begegnung und Unterhaltung.
Das Wirtschaftswunder macht die Kirmes heller und schneller
In den 1950er- und 1960er-Jahren veränderte sich der Festplatz stark.
Die Menschen verfügten zunehmend über mehr Freizeit und Konsummöglichkeiten.
Gleichzeitig erleichterte die Motorisierung den Schaustellern ihre Reisen.
Neue Fahrgeschäftstypen erschienen.
Autoscooter wurden größer.
Rundfahrgeschäfte schneller.
Beleuchtung aufwendiger.
Auch Musik spielte eine immer stärkere Rolle.
Rock ’n’ Roll und Beat wurden auf die Kirmes übertragen.
Später folgte Disco.
Gerade Jugendliche fanden auf dem Festplatz Musik, die in anderen Bereichen des Alltags teilweise noch als neu oder rebellisch wahrgenommen wurde.
Die 1970er bis 1990er werden zur goldenen Zeit vieler Kirmesklassiker
In diesen Jahrzehnten entstanden zahlreiche Fahrgeschäftstypen, die heute als Klassiker gelten.
Enterprise.
Break Dance.
Top Spin.
Große Schaukeln.
Loopinggeschäfte.
Scheibenfahrgeschäfte.
Viele Anlagen aus dieser Zeit reisen Jahrzehnte später noch immer.
Sie wurden technisch modernisiert, neu gestaltet und mit LED-Beleuchtung ausgestattet.
Der Kern der Konstruktion stammt aber teilweise noch aus den 1980er- oder 1990er-Jahren.
Wie sicher sind reisende Fahrgeschäfte?
Große Fahrgeschäfte werden in Deutschland nicht einfach aufgebaut und anschließend eingeschaltet.
Reisende Anlagen gehören baurechtlich zu den sogenannten Fliegenden Bauten.
Für sie existieren spezielle Genehmigungs- und Prüfverfahren.
Technische Unterlagen, Ausführungsgenehmigungen, wiederkehrende Prüfungen und Gebrauchsabnahmen gehören zum System.
Normen wie DIN EN 13814 behandeln Anforderungen an Konstruktion und Betrieb von Fahrgeschäften.
Vor Ort müssen Anlagen korrekt aufgebaut und eingerichtet werden.
Stützen, Verriegelungen, elektrische Systeme und sicherheitsrelevante Bauteile müssen den Vorgaben entsprechen.
Warum ein altes Fahrgeschäft nicht automatisch unsicher ist
Das Baujahr allein sagt wenig über den tatsächlichen technischen Zustand eines Fahrgeschäfts aus.
Eine Anlage kann über Jahrzehnte repariert und modernisiert werden.
Verschleißteile werden ersetzt.
Steuerungen können erneuert werden.
Beleuchtung wird modernisiert.
Sicherheitsrelevante Komponenten werden überprüft.
Dadurch kann ein Fahrgeschäft aus den 1980er-Jahren heute technisch in vielen Bereichen nicht mehr seinem ursprünglichen Auslieferungszustand entsprechen.
Große Volksfeste und ihre unterschiedlichen Wurzeln
Deutschland besitzt Tausende Volksfeste.
Viele haben eine jahrhundertealte Geschichte.
Ihre Ursprungsgeschichten unterscheiden sich jedoch erheblich.
Lullusfest Bad Hersfeld
Bad Hersfeld führt die Wurzeln des Lullusfestes auf das Jahr 852 zurück.
Heute verbindet die Veranstaltung alte Rituale und Traditionen mit einem modernen Kirmesplatz.
Bremer Freimarkt
Für Bremen bildet das Marktprivileg von 1035 einen zentralen historischen Anker.
Der heutige Freimarkt führt diese lange Markttradition fort.
Hamburger DOM
Der Hamburger DOM besitzt seine historischen Wurzeln im Umfeld des mittelalterlichen Marien-Doms.
Sein Name erinnert noch heute daran.
Pützchens Markt
Die Geschichte von Pützchens Markt ist eng mit Wallfahrt und Adelheidisbrunnen verbunden.
Die häufig genannte Jahreszahl 1367 bezieht sich zunächst auf die schriftliche Erwähnung des Brunnens.
Annakirmes Düren
Die religiöse Vorgeschichte beginnt 1501 mit dem Annahaupt.
Der Markt selbst ist in Dürener Quellen 1638 dokumentiert.
Oktoberfest München
Das Oktoberfest besitzt einen vergleichsweise klaren Ausgangspunkt.
1810 wurde anlässlich der Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig mit Therese von Sachsen-Hildburghausen ein großes Pferderennen veranstaltet.
Aus dem Fest entwickelte sich die heutige Wiesn.
Cannstatter Volksfest
Das Cannstatter Volksfest wurde 1818 unter König Wilhelm I. ins Leben gerufen.
Es stand im Zusammenhang mit den schweren Hungerjahren nach der Krise von 1816 und 1817 und sollte unter anderem Landwirtschaft und wirtschaftliche Entwicklung fördern.
Cranger Kirmes
Crange zeigt besonders deutlich, wie mehrere historische Entwicklungen ineinandergreifen.
Dorfgeschichte, Markt, Pferdehandel und später die Entwicklung einer Großkirmes überlagern sich.
Die heutige Cranger Kirmes ist das Ergebnis einer langen Entwicklung und nicht eines einzigen Erfindungstages.
Sterkrader Fronleichnamskirmes
Die Sterkrader Fronleichnamskirmes entwickelte sich im 19. Jahrhundert im Umfeld des kirchlichen Fronleichnamsfestes.
Heute gehört sie zu den großen Innenstadtkirmessen Deutschlands.
Eine moderne Kirmes ist eine temporäre Stadt
Eine große heutige Kirmes besteht nicht nur aus Schaustellerbetrieben.
Sie benötigt eine komplette Infrastruktur.
Strom.
Wasser.
Abwasser.
Rettungswege.
Brandschutz.
Sanitätsdienste.
Polizei.
Ordnungsdienst.
Zufahrtsschutz.
Verkehrskonzepte.
Lärmschutz.
Müllentsorgung.
Innerhalb weniger Tage entsteht damit eine temporäre Veranstaltungsstadt.
Und wenige Tage später wird sie vollständig wieder abgebaut.
Warum Fahrpreise von früher und heute nur schwer vergleichbar sind
Alte Fahrpreise wirken aus heutiger Sicht oft extrem niedrig.
Doch ein direkter Vergleich ist irreführend.
Auch Löhne und Lebenshaltungskosten waren vollkommen anders.
Ein kleiner historischer Geldbetrag konnte einen deutlich höheren Anteil des Tageslohns ausmachen als ein moderner Fahrpreis.
Heute müssen Schausteller außerdem zahlreiche Kosten tragen.
Anschaffung und Finanzierung des Geschäfts.
Transporte.
Diesel.
Maut.
Strom.
Personal.
Versicherungen.
Wartung.
Prüfungen.
Standgelder.
Gebühren.
Ersatzteile.
Deshalb lässt sich die Aussage „früher war Kirmes viel billiger“ nur sinnvoll beurteilen, wenn gleichzeitig Einkommen und Betriebskosten der jeweiligen Zeit betrachtet werden.
2020: Plötzlich war der Festplatz leer
Die COVID-19-Pandemie führte 2020 zum größten flächendeckenden Stillstand der deutschen Volksfestbranche seit der Nachkriegszeit.
Nahezu alle großen Veranstaltungen wurden abgesagt.
Für Schausteller war das besonders dramatisch.
Ihre Betriebe können nicht einfach auf einen Onlineverkauf oder eine stationäre Filiale umstellen.
Ohne Veranstaltungen fehlen die Einnahmen.
Verbände warnten vor existenziellen Folgen.
Es gab Demonstrationen, politische Gespräche und Hilfsprogramme.
Gleichzeitig entstanden neue Konzepte.
Temporäre Freizeitparks sollten mit kontrollierten Besucherzahlen und Hygieneregeln zumindest einen eingeschränkten Betrieb ermöglichen.
2021 und 2022 kehrten die großen Volksfeste schrittweise zurück.
Die Pandemie zeigte, wie abhängig die Branche davon ist, dass öffentliche Veranstaltungen stattfinden können.
Kirmes wird digital
Noch vor wenigen Jahrzehnten erfuhren Besucher hauptsächlich über Plakate, Zeitungen und Mundpropaganda, welche Attraktionen zu einer Veranstaltung kamen.
Heute kann eine Beschickung innerhalb weniger Minuten über Social Media verbreitet werden.
YouTube machte Onride- und Offride-Aufnahmen zu einem eigenen Genre.
Facebook und Instagram ermöglichten Schaustellern direkten Kontakt zu ihren Gästen.
Mit TikTok wurde die Entwicklung noch schneller.
Eine spektakuläre Fahrt.
Eine Lichtshow.
Ein Reko-Spruch.
Ein bestimmter Song.
All das kann innerhalb kurzer Zeit hunderttausende oder sogar Millionen Menschen erreichen.
Kirmesforen und Fahrgeschäftsdatenbanken dokumentieren Tourpläne, Betreiberwechsel und technische Daten.
Dadurch hat sich auch das Publikum verändert.
Viele Fans wissen bereits Wochen vor dem Aufbau, welche Geschäfte erwartet werden.
Kartenzahlung und digitale Tickets
Auch das Bezahlen verändert sich.
Bargeld spielt auf Volksfesten weiterhin eine große Rolle.
Gleichzeitig akzeptieren immer mehr Betriebe Karten oder Smartphone-Zahlungen.
Bei einzelnen Veranstaltungen existieren zentrale Bezahlsysteme oder digitale Tickets.
Für Schausteller bedeutet das zusätzlichen Komfort für Kunden, aber auch neue Technik, Gebühren und organisatorische Fragen.
Nachhaltigkeit und Energie
Energie ist für moderne Schaustellerbetriebe ein wichtiger Kostenfaktor.
Der Wechsel von Glühlampen auf LED-Technik hat den Energiebedarf der Beleuchtung deutlich reduziert.
Moderne Motorsteuerungen können effizienter arbeiten.
Auch bei Transporten wird versucht, Fahrzeuge und Fahrten zu reduzieren.
Ein weiterer Aspekt wird häufig vergessen:
Viele Fahrgeschäfte besitzen eine sehr lange Lebensdauer.
Sie werden über Jahrzehnte genutzt, repariert, modernisiert und teilweise an andere Betreiber verkauft.
Statt nach wenigen Jahren entsorgt zu werden, bleibt ein erheblicher Teil der Grundkonstruktion langfristig im Einsatz.
Früher und heute: Antrieb
Früher:
Muskelkraft, Pferde, mechanische Systeme und später Dampfmaschinen.
Heute:
Elektromotoren, Frequenzumrichter, Hydraulik, Pneumatik und elektronische Steuerungen.
Früher und heute: Beleuchtung
Früher:
Kerzen, Öl-, Gas- oder Karbidlicht und später Glühlampen.
Heute:
LED-Technik, Pixelsteuerung, programmierte Lichtshows und digitale Displays.
Früher und heute: Transport
Früher:
Pferdewagen, Eisenbahn und einfache Lastfahrzeuge.
Heute:
Zugmaschinen, Auflieger, Container, Spezialtransporte und Kräne.
Früher und heute: Aufbau
Früher:
Enorme Handarbeit und einfache Hebezeuge.
Heute:
Hydraulik, Kräne und modulare Konstruktionen, gleichzeitig aber weiterhin viel Handarbeit.
Früher und heute: Werbung
Früher:
Marktschreier, Plakate, Zeitungen und Mundpropaganda.
Heute:
Social Media, Videos, Websites, Livestreams und digitale Beschickungslisten – zusätzlich zu klassischer Werbung.
Früher und heute: Musik
Früher:
Orgeln, Kapellen und später Schallplatten.
Heute:
Digitale Soundanlagen, aktuelle Musik und Live-Rekommandation.
Früher und heute: Sicherheit
Früher:
Weniger standardisierte technische Regeln und Prüfverfahren.
Heute:
Ausführungsgenehmigungen, wiederkehrende Prüfungen, Gebrauchsabnahmen, technische Normen und dokumentierte Sicherheitsprozesse.
Früher und heute: Familienleben
Früher:
Reisen mit einfacheren Wohn- und Packwagen und deutlich weniger Komfort.
Heute:
Moderne Wohnwagen und bessere Infrastruktur, aber weiterhin ständig wechselnde Arbeitsorte.
2026: Schaustellerkultur wird Immaterielles Kulturerbe
Am 27. März 2026 wurde die „Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland“ in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Die Deutsche UNESCO-Kommission beschreibt die Kultur als Zusammenspiel zahlreicher Fähigkeiten und Traditionen.
Dazu gehören technische Attraktionen.
Handwerk.
Gastronomie.
Spielgeschäfte.
Festplatzgestaltung.
Logistik.
Sicherheitswissen.
Und vor allem die Weitergabe dieser Fähigkeiten innerhalb der Gemeinschaft.
Nach Angaben der Deutschen UNESCO-Kommission finden in Deutschland jährlich rund 9.750 Volksfeste statt.
Die Anerkennung macht deutlich:
Schaustellerkultur besteht nicht nur aus Maschinen.
Sie besteht aus Menschen und ihrem Wissen.
Die Urkunde von Schwerin
Am 16. Juli 2026 wurde die offizielle Urkunde in Schwerin überreicht.
Vertreter der Schaustellerverbände und des historischen Facharchivs Kulturgut Volksfest nahmen an der Würdigung teil.
Für die deutsche Schaustellerbranche war es ein historischer Moment.
Was „Immaterielles Kulturerbe“ tatsächlich bedeutet
Die genaue Formulierung ist wichtig.
Die Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland gehört seit 2026 zum Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes.
Dieses Verzeichnis gehört zur deutschen Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zum Schutz des Immateriellen Kulturerbes.
Das bedeutet nicht, dass ein einzelnes Fahrgeschäft oder ein bestimmtes Volksfest UNESCO-Welterbe geworden ist.
Es bedeutet auch nicht automatisch, dass die Kulturform auf einer internationalen UNESCO-Liste steht.
Gewürdigt wird die lebendige Kultur selbst:
Das Wissen.
Das Handwerk.
Die Traditionen.
Die sozialen Strukturen.
Und die Weitergabe an kommende Generationen.
Von 852 bis 2026: Wichtige Stationen
852:
Bad Hersfeld führt die Wurzeln des Lullusfestes auf dieses Jahr zurück.
1035:
Bremen erhält ein Marktprivileg für Frühjahrs- und Herbstmarkt. Der heutige Freimarkt führt diese Tradition fort.
14. Jahrhundert:
Markttreiben im Umfeld des Hamburger Marien-Doms ist dokumentiert.
1501:
Beginn der religiösen Vorgeschichte der Annakirmes in Düren.
1638:
Ein Markt im Zusammenhang mit der Dürener Anna-Tradition ist schriftlich dokumentiert.
19. Jahrhundert:
Die Professionalisierung reisender Schaustellerbetriebe nimmt stark zu.
1848:
Die Familie Bruch dokumentiert ihre Schaustellertradition ab diesem Jahr.
1874:
August Dierichs macht sich als ambulanter Konditor selbstständig.
1883:
Die Schausteller-Fachzeitschrift „Der Komet“ wird gegründet.
1884:
Die Switchback Gravity Railway auf Coney Island wird zu einem wichtigen Meilenstein der Achterbahngeschichte.
1893:
Das Ferris Wheel prägt die Weltausstellung in Chicago und macht das Großriesenrad weltweit bekannt.
Frühes 20. Jahrhundert:
Elektrifizierung verändert Antrieb und Beleuchtung auf dem Festplatz.
1920er-Jahre:
Elektrische Autoscooter verbreiten sich zunehmend.
1933 bis 1945:
Nationalsozialismus, Verfolgung und Krieg zerstören Schaustellerexistenzen und unterbrechen zahlreiche Festtraditionen.
Ab 1946:
Viele Volksfeste werden wieder aufgenommen.
13. Januar 1950:
Der Deutsche Schaustellerbund wird durch zwölf Schaustellervereine gegründet.
1950er- und 1960er-Jahre:
Wirtschaftswunder, Motorisierung, Autoscooter und moderne Rundfahrgeschäfte verändern den Festplatz.
1972/1973:
Schwarzkopf entwickelt die Enterprise. Erste Anlagen gehen auf Reise.
1975:
HUSS bringt eine eigene Enterprise-Ausführung auf den Markt. Im selben Jahr eröffnet der Europa-Park.
1982:
Hubert Gerstlauer gründet Gerstlauer Elektro.
1985:
Der erste HUSS Break Dance wird zur Bremer Osterwiese ausgeliefert.
Anfang der 1990er-Jahre:
Top Spin und weitere große Überschlaggeschäfte prägen eine neue Show-Generation.
2000er- und 2010er-Jahre:
LED, elektronische Steuerungen, Social Media und Online-Datenbanken verändern Technik und Kommunikation.
2020:
Die COVID-19-Pandemie bringt den deutschen Volksfestbetrieb nahezu vollständig zum Stillstand.
2021 und 2022:
Große Volksfeste kehren schrittweise zurück.
27. März 2026:
Die Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland wird in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
16. Juli 2026:
Die Kulturerbe-Urkunde wird in Schwerin überreicht.
Was die Kirmes bis heute zusammenhält
Technisch liegen Welten zwischen einem mittelalterlichen Kirchweihmarkt und einem modernen Festplatz.
Trotzdem blieb das Grundprinzip überraschend ähnlich.
Menschen treffen sich für begrenzte Zeit an einem bestimmten Ort.
Händler, Gastronomen und Unterhalter schaffen Angebote.
Danach verschwindet die Veranstaltung wieder.
Genau das macht Schaustellerkultur so außergewöhnlich.
Ein leerer Platz wird innerhalb weniger Tage zu einer temporären Stadt aus Licht, Stahl, Musik, Gerüchen und Menschen.
Wenige Tage später ist davon manchmal kaum noch etwas zu sehen.
Der Festplatz ist weitergezogen.
Und entsteht in der nächsten Stadt von vorne.
Das Wissen steht nicht nur in Handbüchern
Natürlich existieren technische Dokumentationen und gesetzliche Vorschriften.
Doch ein großer Teil des Schaustellerwissens entsteht durch Erfahrung.
Wie wird ein Geschäft auf schwierigen Untergrund gestellt?
Wie läuft ein Aufbau bei schlechtem Wetter?
Wie organisiert man den Wechsel zwischen zwei Städten innerhalb weniger Tage?
Wie spricht man Besucher richtig an?
Wie bleibt ein Familienrezept über mehrere Generationen erhalten?
Wie plant man eine Saison, wenn Termine, Transporte und Personal voneinander abhängen?
Genau dieses praktische und soziale Wissen ist ein entscheidender Bestandteil der Schaustellerkultur.
Die Kirmes der Zukunft
Auch nach mehr als tausend Jahren ist die Entwicklung nicht abgeschlossen.
Fahrgeschäfte werden digitaler gesteuert.
LED-Beleuchtung wird effizienter.
Kartenzahlung verbreitet sich.
Veranstalter digitalisieren Bewerbungen und Besucherinformationen.
Social Media verändert Werbung und Fan-Kultur.
Gleichzeitig werden Sicherheits- und Zufahrtsschutzkonzepte umfangreicher.
Kosten für Personal, Energie, Transporte, Versicherungen, Wartung und Veranstaltungsabsicherung steigen.
Deshalb bedeutet Zukunft nicht zwangsläufig:
Höher, schneller und größer.
Kompakte Anlagen mit weniger Transporten können wirtschaftlich besonders interessant werden.
Familiengeschäfte bleiben wichtig.
Klassiker werden modernisiert.
Historische Karussells werden erhalten.
Neue Thrillrides nutzen moderne Elektronik und Showtechnik.
All diese Welten können auf demselben Festplatz nebeneinander existieren.
Von der Kirchmesse zum Kulturerbe
Die Geschichte der Kirmes ist keine einfache Entwicklung von „alt“ zu „modern“.
Sie ist eine Geschichte über Religion und Handel.
Über Reisen.
Familien.
Technik.
Unternehmertum.
Krisen.
Neuanfänge.
Und Unterhaltung.
Aus Kirchweihfesten und Märkten entstanden Orte, an denen sich Händler und Unterhalter trafen.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich daraus ein professionelles reisendes Gewerbe.
Dampf und Elektrizität ermöglichten neue Fahrgeschäfte.
Riesenrad, Achterbahn und Autoscooter veränderten das Erlebnis.
Enterprise, Break Dance, Top Spin und andere moderne Anlagen prägten ganze Generationen.
Kriege und Diktatur verursachten schwere Brüche.
Nach 1945 begann ein neuer Aufschwung.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts verändern Digitalisierung, LED-Technik und soziale Medien erneut die Branche.
Die Pandemie von 2020 zeigte schließlich, wie verletzlich ein Gewerbe ist, das vollständig davon lebt, dass Menschen zusammenkommen dürfen.
2026 wurde diese jahrhundertelang gewachsene Kultur offiziell als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Nicht ein einzelnes Riesenrad wurde ausgezeichnet.
Nicht ein bestimmter Break Dance.
Nicht eine einzelne Kirmes.
Nicht eine einzelne Schaustellerfamilie.
Anerkannt wurde die Kultur dahinter.
Das Wissen und Können der Menschen, die jedes Jahr aus einem leeren Platz für wenige Tage eine eigene Welt erschaffen.
Eine Welt, die danach wieder verschwindet.
Und doch seit Generationen immer wieder zurückkehrt.
Quellenbasis
Diese große Dokumentation basiert unter anderem auf Informationen der Deutschen UNESCO-Kommission, des Deutschen Schaustellerbundes, der Deutschen Digitalen Bibliothek, des Bundesarchivs, der Kultusministerkonferenz, auf TÜV-Fachinformationen, kommunalen Stadt- und Festchroniken, Herstellerhistorien sowie dem Facharchiv Kulturgut Volksfest.
Bei historischen Jahreszahlen wurde bewusst unterschieden zwischen religiösen Ursprüngen, Marktprivilegien, ersten schriftlichen Erwähnungen und der späteren Entwicklung zur heutigen Veranstaltungsform.


