Lorsch, Hessen –
LORSCH – 100 Jahre Schaustellertradition in Lorsch: Für die Familie Schneider endet ausgerechnet im Jubiläumsjahr ein Kapitel, das über Generationen eng mit der Klosterstadt verbunden war. Nach öffentlicher Kritik an der Entwicklung des Johannisfestes und einer anschließenden Reaktion der Stadt hat die Familie öffentlich erklärt, künftig nicht mehr bei Veranstaltungen der Stadt Lorsch vertreten zu sein.
100 Jahre Verbindung zu Lorsch
Laut einem Bericht des Bergsträßer Anzeigers reicht die Verbindung der Familie Schneider zu Lorsch genau 100 Jahre zurück. Den Grundstein legte dem Bericht zufolge Großvater Johann Wagner mit einer Schiffschaukel und einem historischen Pferdekarussell. Über Generationen gehörten die Schneiders anschließend zum Johannisfest sowie zu weiteren Veranstaltungen wie Frühlings- und Weihnachtsmarkt und der Kerb.
Lorsch sei für die Familie dabei mehr als nur ein Veranstaltungsort. Im Jubiläumsbericht werden die enge persönliche Verbindung sowie Aktionen für Familien und Kinder beschrieben. Unter anderem wurden Karussell-Freikarten für Kita-Kinder verschenkt.
Auch wirtschaftliche Fragen wurden angesprochen
Im Jubiläumsbericht des Bergsträßer Anzeigers äußerte Markus Schneider Senior Kritik an der Entwicklung des Johannisfestes. Im Mittelpunkt stand insbesondere die aus Sicht der Familie sehr hohe Zahl an Fahrgeschäften und der damit verbundene wirtschaftliche Druck auf einzelne Betriebe. Die Familie verwies darauf, dass ein größeres Angebot nicht automatisch mehr Besucher oder ein höheres verfügbares Besucherbudget bedeutet und dass sich dadurch die Verdienstmöglichkeiten einzelner Betriebe verändern können.
Die Familie verband diese Kritik mit dem Wunsch nach mehr Wertschätzung und Augenmaß für langjährig reisende Schaustellerbetriebe. Der Bergsträßer Anzeiger berichtete außerdem über die 100-jährige Verbindung und die Bedeutung der Familie für das Lorscher Festgeschehen.
Die Reaktion der Stadt Lorsch
Das uns vorliegende Schreiben des Kultur- und Tourismusbüros beziehungsweise des Magistrats der Stadt Lorsch ist auf den 4. August 2026 datiert und an Markus Schneider gerichtet. Betreff des Schreibens ist die Rücksendung der Freikarten für das Johannisfest 2026.
Die Stadt erklärt darin zunächst, dass die Freikarten zu spät eingegangen seien, um sie wie vorgesehen vor dem Fest an Kolleginnen und Kollegen zu verteilen. Eine Ausgabe am Familienmontag sei aufgrund der zwischenzeitlichen Ereignisse und insbesondere der öffentlichen Berichterstattung ebenfalls nicht mehr vorgesehen gewesen.
Weiter erklärt die Stadt, sie bedauere, dass die Familie ihre Unzufriedenheit erneut öffentlich geäußert habe, anstatt den direkten Austausch zu suchen. Gleichzeitig führt die Stadt aus, dass ihr keine Gelegenheit gegeben worden sei, zu den im Zeitungsbericht erhobenen Vorwürfen Stellung zu nehmen.
Anschließend erklärt die Stadt, sie könne sich derzeit keine weitere Zusammenarbeit vorstellen. Die Familie wird deshalb gebeten, künftig von Bewerbungen für Veranstaltungen der Stadt Lorsch abzusehen. Als Begründung nennt die Stadt unter anderem die Möglichkeit, anderen Schaustellerbetrieben eine Perspektive auf den Veranstaltungen zu geben.
Wichtig: Das vorliegende Schreiben bezeichnet dies nicht ausdrücklich als dauerhaftes Teilnahmeverbot. Es formuliert die Bitte, künftig von Bewerbungen abzusehen, und erklärt, dass die Stadt derzeit keine weitere Zusammenarbeit vorstellen könne.
Drei eigenständige Schaustellerunternehmen betroffen
In ihrem öffentlichen Beitrag macht die Familie deutlich, dass aus ihrer Sicht nicht nur ein einzelner Betrieb betroffen ist. Genannt werden Markus Schneider Senior, Markus Schneider Junior und Marissa Schneider als drei eigenständige Schaustellerunternehmen.
Besonders hebt die Familie hervor, dass Markus Schneider Junior beim diesjährigen Johannisfest nicht in Lorsch gewesen sei, sondern mit seinem Geschäft rund 400 Kilometer entfernt gearbeitet habe. Nach Darstellung der Familie seien dennoch auch seine weiteren Bewerbungen für Veranstaltungen der Stadt betroffen.
Was in Lorsch künftig fehlen könnte
Die Familie nennt unter anderem Karussells, die Schiffschaukel, einen Crêpe-Stand und das historische Karussell auf dem Weihnachtsmarkt. Gerade das historische Karussell steht dabei symbolisch für die lange Verbindung zwischen Familie und Stadt.
Die Lorscher Kerb 2026 ist bereits betroffen
Die Familie erklärt, bereits bei der Lorscher Kerb 2026 nicht mehr vertreten zu sein. Die Stadt Lorsch führt die Kerb 2026 offiziell für den Zeitraum vom 19. bis 21. September 2026.
Die Familie betont: Kein freiwilliger Abschied
Ein zentraler Punkt des öffentlichen Beitrags der Familie ist die Klarstellung, dass sie Lorsch nicht freiwillig verlassen habe. Nach ihrer Darstellung wäre sie weiterhin gerne zu den Veranstaltungen der Stadt gekommen. Damit möchte die Familie verhindern, dass der Eindruck entsteht, sie habe selbst kein Interesse mehr an einer weiteren Teilnahme.
Die Familie bleibt der Region erhalten
Die Schneiders kündigen an, weiterhin in der Region unterwegs zu sein. Genannt werden unter anderem Bensheim, Lampertheim, Einhausen, Bürstadt und Biblis. Für die Weihnachtszeit nennt die Familie außerdem Bürstadt, Lampertheim, Bensheim, Hemsbach, Einhausen und Biblis.
Was dieser Fall für Schausteller zeigt
Der Vorgang macht auch eine grundsätzliche wirtschaftliche Frage des Schaustellergewerbes sichtbar: Auf einem Festplatz müssen Attraktivität, Vielfalt und die wirtschaftliche Tragfähigkeit der einzelnen Betriebe miteinander in Einklang gebracht werden. Mehr Geschäfte können für Besucher mehr Auswahl bedeuten. Für die einzelnen Betriebe bedeutet eine größere Beschickung zugleich mehr Konkurrenz um dasselbe Besucherbudget.
Die Kritik von Markus Schneider Senior ist aus Sicht der Familie als sachlicher Hinweis auf diese wirtschaftliche Situation gemeint. Die Stadt Lorsch legt in ihrem Schreiben dagegen den Schwerpunkt auf die Form der öffentlichen Auseinandersetzung und auf die aus ihrer Sicht notwendige vertrauensvolle Zusammenarbeit.
100 Jahre bleiben 100 Jahre
Unabhängig von der aktuellen Auseinandersetzung bleibt die gemeinsame Geschichte bestehen. Über ein Jahrhundert standen Geschäfte der Familie Schneider auf Lorscher Veranstaltungen. Generationen von Besuchern sind mit Karussells, der Schiffschaukel und weiteren Angeboten der Familie aufgewachsen.
Die Familie verabschiedet sich damit nicht aus der Schaustellerwelt. Ihre Geschäfte bleiben auf den Festplätzen der Region unterwegs – nur vorerst nicht mehr bei Veranstaltungen der Stadt Lorsch.
Für viele Lorscher bleibt damit vor allem die Erinnerung an 100 Jahre gemeinsame Festplatzgeschichte.


